Kreisgruppe Bielefeld
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Warum werden am OWD viele hundert Bäume gefällt?

02. Dezember 2025

Notwendige „Gehölzpflegemaßnahmen“ oder Kahlschlag kontra Natur- und Klimaschutz?

Bielefeld, 2.12.2025 | Auf dem Radweg entlang des OWD in Brackwede war es einer der schönsten Abschnitte: Dichter Baumbestand bildete kurz vor Ikea einen baumbestandenen Hohlweg. Doch in der letzten Woche wurden fast alle Bäume in diesem Bereich abgeholzt! Radfahrer und Fußgänger reagierten entsetzt und fragten beim BUND nach. Eine Auskunft bei der Stadt ergab: Der für den OWD zuständige Landesbetrieb Straßen NRW führt hier „Gehölzpflegearbeiten“ durch. Was dieser Kahlschlag mit „Pflege“ zu tun hat, wurde nicht erklärt.

Kahlschlag oder Pflege durch „Auf den Stock setzen“? 

Fachlich nennt sich diese Art der „Gehölzpflege“ „Auf den Stock setzen". Die Methode wurde ursprünglich für Windschutzhecken in der freien Landschaft angewendet. Dabei werden Sträucher und Bäume, die gut Rückschnitte vertragen, alle 5 bis 10 Jahre ca. 20 cm über dem Boden abgeschnitten. Die austriebstarken Gehölze treiben dann im Folgejahr rasch wieder aus und bilden in wenigen Jahren erneut eine dichte freiwachsende Hecke, die als Windschutz und Lebensraum wirken kann. Verwendet werden für solche Hecken überwiegend strauchartige Gehölze wie Hasel und Schwarzer Holunder. Der BUND empfiehlt, solche Pflegschnitte von Hecken immer nur abschnittweise durchzuführen, damit großflächige kahle Heckenbereiche vermieden werden

Praxis der „Pflegeschnitte“ an Straßen im Widerspruch zum Naturschutz

Die von „Straßen NRW“ am OWD praktizierten massiven Kahlhiebe haben mit dieser traditionellen Form der Heckenpflege nur noch wenig zu tun. In der Regel wurden die Gehölzstreifen bereits falsch angepflanzt, so dass sie frühzeitig von unten verkahlen. Pflegeschnitte wirken dann wie ein radikaler Kahlschlag, wertvoller Lebensraum für vielerlei Tiere geht schlagartig verloren.

„Mit den Eingriffen verlieren auch viele Kleintiere, die im Holz, unter der Rinde oder in hohlen Stängeln leben ihren Lebensraum, werden in der Regel kleingehäckselt“, erklärt dazu Sven Christeleit, Baumexperte des BUND. Ebenso ginge es vielen Moosen, Flechten und Baumpilzen, die auf oder in den Gehölzen leben. Christeleit: „Die aktuell entlang von Straßen und Wegen praktizierte Grünpflege schadet dem Natur- und Klimaschutz. Aus Kostengründen, angeblich fachlicher Tradition und Unkenntnis wird leider immer noch so gearbeitet. Obwohl selbst das „Merkblatt für den Straßenbetriebsdienst“ eine selektive Pflege einzelner Gehölze anstelle von Kahlhieben empfiehlt. Besonders schädlich ist es, wenn das Schnittgut wie oft üblich gehäckselt und flächig verteilt wird. Dann kommen keine natürlich wachsenden Pflanzen hoch und der Schnittkreislauf wiederholt sich“.

Der BUND fordert deshalb alle für die Grünpflege an Straßen verantwortlichen Stellen dazu auf, die Grünpflege auf den Erhalt des Bestandes und die Nachhaltigkeit auszurichten. Pflegeeingriffe sollen dem Naturschutz und der Klimaanpassung dienen und sind auf ein Mindestmaß zu beschränken. Sie sind zeitlich so zu strecken, dass keine Schäden für den Naturhaushalt entstehen. Es sollte bei der Pflege nach dem Nachhaltigkeitsprinzip verfahren und jährlich nur so viel Holz entnommen werden, wie im gleichen Zeitraum nachwächst.

Anlage: Auszüge aus dem „Merkblatt für den Straßenbetriebsdienst. Teil: Grünpflege“.

Ein Merkblatt der Autobahn- und Straßenmeistereien, das auch für Straßenverwaltungen von Landkreisen und Gemeinden den Stand der Technik darstellt. Hierin wird zu Gehölzflächen im Straßenbegleitgrün ausgeführt: 

  • Gehölzstreifen bis zu 10 m Breite sollen nur etwa alle 10 Jahre und nur bei Bedarf gepflegt werden. Durch das selektive Auf-den-Stock-Setzen einzelner Sträucher und Bäume soll ein gestufter, dichter Aufbau des Gehölzstreifens erhalten werden.
  • Bei älteren Beständen, die Verkahlungserscheinungen zeigen, ist als Pflegemaßnahme ein abschnittsweises Auf den-Stock-Setzen mit dem Ziel der Verjüngung des Bestandes geeignet. Die Abschnittslängen sollen maximal 50 m betragen. Im Pflegeabschnitt sind vereinzelte markante Bäume und Sträucher sowie die im Unterstand befindlichen, unter drückten Gehölze zu belassen, um eine Strukturvielfalt innerhalb des Gehölzstreifens zu erhalten. Nach einigen Jahren erfolgt der Pflegehieb auf den bislang nicht bearbeiteten Abschnitten.
  • Bei flächenhaften geschlossenen Gehölzflächen an Einschnitts- und Dammböschungen, Lärmschutzwällen und Zwischen- und Restflächen sind Pflegemaßnahmen im Inneren dieser Bestände laut Merkblatt in der Regel nicht notwendig.
  • Nur in Einzelfällen kann es aus Gründen der Verkehrssicherheit, der Auflichtung oder der Bestandsverjüngung notwendig bzw. sinnvoll sein, einzelne Bäume auf den Stock zu setzen. Regelmäßige Pflegemaßnahmen beschränken sich auf den Gehölzrand (Pflege wie bei Gehölzstreifen).

Quelle: FORSCHUNGSGESELLSCHAFT FÜR STRASSEN- UND VERKEHRSWESEN (2006)

 

“Gehölzpflegearbeiten” oder Kahlschlag auf Kosten von Natur- und Klimaschutz? Bilder vom Dezember 2025 in Brackwede

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