Blick in die Johannisbachaue. Eine ICE-Trasse könnte hier nach den Plänen der Bahn vor dem Viadukt abzweigen und durch die Aue über Brake in Richtung A 2 verlaufen. Foto: L Jürgenschellert
12.1.2026 | Mit einer Presseerklärung, die in der NW veröffentlicht wurde, spricht die FDP bei der „sognannten Johannisbachaue“ von einem „Natur-Disneyland aus der Retorte“. Sie bezweifelt den Naturschutzwert und befürwortet erneut an der Stelle einen angeblich „ökologisch wertvollen“ Freizeitsee.
Nachfolgend geben wir die Erklärung der FDP vollständig wieder und danach eine Antwort von Dr. Jürgen Albrecht, die die NW heute als Leserbrief veröffentlicht hat.
FDP: Johannisbachaue kein Naturschutz-Juwel
9. Januar 2026 | Mit Unverständnis reagieren wir auf einen Rundumschlag des Umweltaktivisten und pensionierten städtischen Dezernenten Martin Enderle. Ende Dezember hatte er erklärt, dass die Politik die sogenannte Johannisbachaue „abgeschrieben“ habe. Insbesondere der Regionalrat hätte mit Mehrheit aus CDU und FDP nicht „im Interesse der Stadt Bielefeld“ gehandelt. „Wer nicht so abstimmt, wie Herr Enderle das will, handelt nicht undemokratisch, sondern erlaubt sich eine eigene Haltung. Das städtische Interesse ist in der Demokratie nämlich Ansichtssache“, so FDP-Vorsitzender Jan Maik Schlifter, der auch Fraktionsvorsitzender der FDP/FW-Fraktion im Detmolder Regionalrat ist.
Grund für Enderles Wortmeldung war die geplante ICE-Neubautrasse. „Dass diese überhaupt dort entlangführen kann, liegt auch daran, dass Kritiker wie Enderle jahrelang einen Untersee an dieser Stelle blockiert haben“, betont Schlifter. „Hätte Bielefeld dort eine solch ökologisch wertvolle Wasserfläche geschaffen, dann könnte eine Trasse gar nicht mehr ohne weiteres errichtet werden und die Bielefelder Bürger hätten ein tolles Naherholungsgebiet. Viele Menschen haben da sicher eine andere Auffassung zu den Interessen Bielefelds als Herr Enderle.“
FDP: „Natur-Disneyland aus der Retorte“
Auch ob die Johannisbachaue überhaupt ein besonders schutzwürdiges Naturschutz-Juwel sei, könne man diskutieren. Es handele sich mitnichten um eine historische Naturfläche, sondern größtenteils um jahrzehntelang landwirtschaftlich intensiv genutzte Felder, die in Erwartung des Untersees brachlagen und vereinzelt künstlich aufgewertet wurden. Statt Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt für solch ein „Natur-Disneyland aus der Retorte“ einzuschränken, sei es richtig gewesen, die Option auf eine große Wasserfläche für die Stadt offenzuhalten, so Schlifter.
Quelle : Bielefeld Report, Mitteilungen der FDP im Rat der Stadt Bielefeld.
Antwort von Dr. Jürgen Albrecht, NABU Bielefeld, in einem Leserbrief in der NW am 12.1.2026
Die Johannisbachaue als nicht schützenswert zu betrachten zeugt von einem fragwürdigen und längst überholten Verständnis von Naturschutz,
Inzwischen gehört es offenbar bei gewissen Klientelpolitikern auch in unserem Land zum normalen Ton, Falschnachrichten zu verbreiten und Meinungen vor Fakten zu setzen. Auch von Kommunalpolitikern, die gesetzlich auf das öffentliche Wohl verpflichtet sind, sollte man erwarten, dass sie sich einigermaßen informieren, wenn sie sich öffentlich äußern. Und gerade Herrn Schlifter sollte nach den jahrelangen Auseinandersetzungen um die Johannisbachaue bekannt sein, dass es sich hier sehr wohl um ein wertvolles Gebiet für die Naherholung und die biologische Vielfalt handelt. Die Naturschutzverbände jedenfalls haben auf ihren Internetseiten die Fakten für jedermann leicht zugänglich zusammengestellt.
Wenn nun auch noch engagierte Naturschützer dafür beschuldigt werden, dass die ICE-Trasse möglicherweise durch die Aue führen soll, ist das eine geradezu „trumpsche“ Umkehr der Tatsachen und der Verantwortlichkeit. Die wahre Verantwortung für die Hängepartie liegt nämlich bei denjenigen Politikern im Regionalrat, die gegen die vom Bielefelder Stadtrat beschlossene Ausweisung der Aue als Naturschutzgebiet agitiert haben – und dazu gehört in erster Linie Herr Schlifter selbst.
Es zeugt im Übrigen von einem fragwürdigen und längst überholten Verständnis von Naturschutz, wenn Biotope der Kulturlandschaft als weniger schützenswert erachtet werden als „historische Naturflächen“. Letztere gibt es in Mitteleuropa praktisch nicht mehr, und die durch die Naturschutzgesetze ausdrücklich geschützten Biotope sind fast durchweg Kulturlandschaftselemente, auch wenn sie einer schonenden bzw. extensiven Nutzung bedürfen. Herrn Schlifter sei dringend ein Blick ins Bundesnaturschutzgesetz empfohlen!
Sollte Herr Schlifter aber ausdrücken wollen, dass auch ihm die Trassenführung durch die Johannisbachaue nicht gefällt, so kann er sich ja – ganz im Sinne des öffentlichen Wohls - gegen die Planung einsetzen: Der „Infomarkt“ der Bahn am 19. Januar in der Hechelei bietet dafür eine Gelegenheit.
Dr. Jürgen Albrecht, 33739 BielefeldFDP Johannisbachaue