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Kreisgruppe Bielefeld

Baumsterben im Bielefelder Wald: BUND fordert ökologische Waldwende

18. Oktober 2019 | Bäume, Bielefelder Wald, Klimawandel, Nachhaltigkeit, Wälder

- Keine übereilten Eingriffe und Aufforstungen - Naturverjüngung nutzen und fördern - Wälder brauchen eine Erholungsphase

Durch Durchforstung freigestellte, jetzt absterbende Altbuchen im Teutoburger Wald in Bielefeld. Im Vordergrund Naturverjüngung.  (Adalbert Niemeyer-Lüllwitz)

Der Bielefelder Wald steht unter Stress. Dürre, Hitze, Stürme und Borkenkäfer setzen vielen Waldbäumen zu. Aktuell sind besonders die aufgeforsteten Fichtenplantagen betroffen, die etwa 20 % des Bielefelder Waldes ausmachen. Monokulturen von Nadelhölzern sind besonders anfällig, sie leiden extrem unter den Folgen des Klimawandels. Dürre und Stürme begünstigen die Massenentwicklung von Borkenkäfern, so dass  solche Baumplantagen flächendeckend absterben.

Zu den aktuellen Baumschäden haben zweifellos auch die forstlichen Fehler der Vergangenheit beigetragen, besonders eine einseitig auf Holzproduktion ausgerichtete Nutzung. Deshalb fordert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND) eine ökologische Waldwende für die Bewirtschaftung der Bielefelder Wälder.  

Die Situation der Buchenwälder

Die aktuelle Situation in den Buchenwäldern, die in Bielefeld etwa 30 % der Gesamtwaldfläche ausmachen, macht deutlich, worauf es jetzt ankommt. Alte Buchen erkranken und sterben besonders dort, wo der Wald in den letzten Jahren extrem stark durchforstet und ausgelichtet wurde. Bei vielen der so freigestellten Bäume sind nach den extrem trockenen Sommern 2018 und 2019 ausgetrocknete Kronen und thermische Rindenschäden festzustellen. Im Unterschied dazu haben die Buchen in anderen naturnahen Waldteilen  ein überwiegend nahezu geschlossenes Kronendach.  Diese Wälder zeichnen sich im Vergleich zu den ausgelichteten Buchenbeständen durch ein deutlich feuchteres und kühleres Waldinnenklima aus. Der Boden kann nicht so stark austrocknen und die Baumstämme werden durch die schattenspendenden Nachbarbäume vor Rindenschäden geschützt. Besonders wichtig ist es jetzt nach Einschätzung des BUND, in den Buchenwäldern einige Jahre auf Durchforstungen zu verzichten. Was diese Wälder jetzt brauchen, ist eine Erholungsphase nach dem zweijährigen Dürrestress.

Eine konsequent naturnahe und ökologische Bewirtschaftung kann also einen wichtigen Beitrag für klimastabilere Zukunftswälder leisten. Dazu ist es besonders wichtig, auf die natürlichen Verjüngungspotenziale der Wälder zu setzen. Denn zum Glück wachsen dort, wo aktuell alte Laubbäume erkranken, am Boden fast überall junge Bäume heran (die sogenannte Naturverjüngung) vorhanden.

Worauf es in der aktuellen Forstkrise ankommt, hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) aktuell in einem Positionspapier dargestellt. Das BfN fordert darin, die grundlegenden Funktionen der Waldökosysteme wiederherzustellen und zu fördern – als Grundvoraussetzung für klimastabile Wälder. Dabei geht es um die Anpassungs- und Selbstregulationsfähigkeit der Wälder, zu der besonders die natürliche Wiederbewaldung gehört. Die erfolgt in einer Abfolge (Sukzession) von Waldformen: Zum Beispiel siedeln sich auf kahl gefallenen Flächen von Natur aus zunächst Birken, Hainbuchen und Ahorne an und erst später Buchen und Eichen. Die Naturschützer fordern, dass bei der Bewirtschaftung die Waldböden geschont werden, indem man auf schweres Gerät verzichtet, und dass möglichst viel Biomasse (zum Beispiel Totholz) im Wald verbleibt, als Lebensraum für Pilze, Käfer usw..

„Waldrettungsprogramm“ mit falschem Schwerpunkt

Das vom Bielefelder Oberbürgermeister Pit Clausen vorgestellte „Waldrettungsprogramm“ setzt den falschen Schwerpunkt, weil es einseitig auf flächige Aufforstungen ausgerichtet ist.

Übereilte Aufforstungen sind aus Sicht des BUND kein Weg zu einem künftig klimastabilen Wald. Vielmehr müssen bei allen forstlichen Planungen stärker Erfahrungen aus Naturwäldern genutzt werden. Besonders wichtig ist es, zunächst immer der Naturverjüngung Raum zu geben. So können sich sehr artenreiche und stabile Wald-Ökosysteme aus sich selbst heraus entwickeln, so wie man es zum Beispiel im Lübecker Stadtwald erleben kann.  

Für die abgestorbenen Fichtenbestände fordert der BUND deshalb, hier möglichst einen Teil  der abgestorbenen Bäume als Totholz im Wald zu belassen. So vermeiden wir, dass die Böden durch flächiges Befahren mit schweren Forstmaschinen geschädigt werden. Der Boden wird von abgestorbenen Bäumen beschattet und vor Austrocknung geschützt. Das fördert die natürliche Wiederbewaldung und spart Geldmittel für Pflanzungen ein. 

Die Forstwirte erleben gerade, dass ihre bisherigen Anbaumethoden in Zeiten des Klimawandels zum Desaster führen. Dennoch erkennen wir im Bielefelder „Waldrettungsprogramm“ nicht, dass sie aus ihren Fehlern lernen und den Wald stärker nach naturnahen Methoden bewirtschaften wollen. Dass liegt auch daran, dass Fachdisziplinen außerhalb der Forstwirtschaft bisher genauso wenig beteiligt werden wie der ehrenamtliche Naturschutz.

Der Wald hat für das gesamte Leben in der Stadt eine zentrale Bedeutung. Wald ist Lebensraum, dient der Erholung, reinigt die Luft, schützt Wasser und Klima und stellt einen wertvollen, nachhaltig produzierten Rohstoff zur Verfügung. Viele Menschen außerhalb der Forstverwaltung engagieren sich für „ihren“ Wald. Das jetzt notwendige Handlungsprogramm muss deshalb im intensiven Dialog mit der gesamten Bürgerschaft entwickelt werden.

Bielefelder Wald: Worauf es jetzt ankommt

  1. Wir brauchen in der Stadt einen Walddialog: Für die Zukunft des Stadtwaldes muss ein fundiertes Handlungsprogramm unter Beteiligung der Forst- und Wald-Wissenschaft, der Bürgerschaft und aller Interessengruppen, besonders auch des ehrenamtlichen Naturschutzes, gemeinsam erarbeitet werden.
  2. Die Wälder brauchen dringend eine Ruhe- und Erholungsphase. Schädigungen durch Holzentnahmen und Befahren mit schweren Maschinen müssen gerade jetzt vermieden werden. Besonders in den Buchenwäldern muss vorübergehend auf Holzeinschläge verzichtet werden, insbesondere dort, wo Altbäume noch durch dichten Kronenschluss für ein günstiges Waldinnenklima sorgen. Besonders wichtig ist es hier, auch abgestorbene Bäume als stehendes Totholz im Wald im Wald zu belassen.  
  3. Übereilte Kahlhiebe und Aufforstungen sind kein Weg zu einem künftig klimastabilen Wald. Aus ökologischen Gründen muss möglichst viel Schadholz als Biomasse, zum Schutz der Böden und der Naturverjüngung sowie als Lebensstätte für geschützte Arten im Wald verbleiben.
  4. Vor Aufforstungen müssen die Chancen und Potenziale natürlicher Verjüngung und Waldentwicklung genutzt werden. Natürliche Wiederbewaldung ist die beste Voraussetzung für die Entwicklung zugleich klimastabiler, resilenter als auch artenreicher und ökologisch vielfältiger Wälder der Zukunft.
  5. Auch dort, wo Verjüngungspotenziale eher gering sind, genügt für den Start der Wiederbewaldung eine truppweise Anpflanzung mit weiten Abständen zwischen dicht bepflanzten Kleinflächen. Dann bleibt ausreichend Raum für artenreiche frühe Sukzessionsstadien der Waldentwicklung in den Zwischenräumen der Pflanzungen.
  6. Die Bewirtschaftung von Waldökosystemen muss künftig in erster Linie an ihrem Erhalt bzw. deren Wiederherstellung ausgerichtet sein. Daher müssen Einschläge oder auch der Einsatz technischen Geräts möglichst schonend erfolgen. Schutz und Wiederherstellung des Wasserhaushalts, der Waldböden und des natürlichen Totholzanteils gehen vor.

Weitere Informationen:

Bericht im Westfalenblatt vom 21. Oktober 2019

Vortrag mit Bildern zum Buchensterben im NSG Teutoburger Wald bei Bielefeld (PDF)

BUND, NABU, Naturwissenschaftlicher Verein: Naturwaldkonzept für den Bielefelder Wald (2012)

Ludwig-Sidow, Petra (2019):  Klimawandelschäden im Buchenwald - Die Folgen preußischer Erziehung, Bundesbürgerinitiative Waldschutz  

Positionspapier des Bundesamtes für Naturschutz „Wälder im Klimawandel“ 

Bundesbürgerinitiative Waldschutz: Manifest zum Wald in Deutschland

Ökoinstitut e.V.: Drei Säulen der Waldwende

Prof Piere Ibisch: Waldschäden - „Die Aufforstung übernimmt das Ökosystem Wald“, Interview mit dem Deutschlandfunk

„Wir brauchen naturnahe Wälder“, Forstexperte Lutz Fähser über den nötigen Umbau der Forste. Interview Frankfurter Rundschau 2.4.2019

Neuen Waldschäden richtig vorbeugen: Abgestorbene Bäume aus den Wäldern schaffen und in großem Stil aufforsten: Das ist die Strategie der Bundesregierung gegen das „Waldsterben 2.0“. Ökologen der Universität Würzburg plädieren für eine andere Lösung.  

Bilder: Buchensterben im Schirmschlag-Buchenwald 2019

Am Südhang des Teutoburger Waldes in Bielefeld sterben im Sommer 2019 Altbuchen. Nach extremer Dürre und Hitze sowie vorheriger starker Durchforstung mit Freistellung der Bäume ("Schirmschlag") zeigen die jetzt freigestellten Buchen Rindenschäden und Kronentrocknis. Am Boden Naturverjüngung. 

Bilder: Intakter Kronenschluss-Buchenwald 2019

Buchenwald im NSG Östlicher Teutoburger Wald bei Bielefeld (Jostberg, Haller Weg, Wanderweg A 3) im Herbst 2019: Den Hitze- und Dürrestress der Jahre 2018 und 2019 haben diese Waldbereiche gut überstanden. Vorteil im Vergleich zu freigestellten Bäumen: Dichter Kronenschluss, Beschattung der Böden und Stämme, ein kühles und feuchtes Waldinnenklima, Schutz der Böden vor Austrocknung und der Baumstämme vor Sonneneinstrahlung. 

 

Bilder: Räumung von Fichtenplantagen - Durchforstungen von Buchenwäldern 2019

Stürme und Borkenkäfer lassen Fichtenplantagen absterben. Im Teutoburger Wald werden solche Flächen 2019 überwiegend flächig geräumt. In Buchenwäldern werden bei Durchforstungen kranke, aber auch gesunde Bäume gefällt und der geschwächte Wald weiter aufgelichtet. Forstmaschinen hinterlassen ihre Spuren, Bodenverdichtung ist die Folge. 

2019: Bei Peter auf dem Berg, am Sennberg, sterben Fichten

Nach dem Orkan Friederike kam der Borkenkäfer: Fichten am Sennberg bei Peter auf dem Berg sind bis zum Herbst 2019 auf großer Fläche abgestorben. Auf Teilflächen zeigt sich aber auch schon Naturverjüngung. Musste hier wirklich flächig abgeräumt werden? Sicher ist: Nicht überall sind Aufforstungen erforderlich. Der neue Wald ist auf Teilflächen schon da. 

Das Schicksal eines kleinen Fichtenforst im NSG Östlicher Teutoburger Wald

Bei Einschlingen gab es am Haller Weg bis 2019 noch einen kleinen Fichtenforst. Der Orkan Friederike hat hier 2018 einige Fichten umgeworfen, dann kam der Borkenkäfer. Im schon sehr lichten Wald hatten sich schon viele Laubbäume, u.a. Bergahorn und Feldahorn, angesiedelt. Im Sommer wurden dennoch alle Fichten gefällt, der kleine Wald mit Forstmaschinen dabei befahren und eine breite Schneise geschlagen. Der neue Laubwald, der schon da war, hat dabei gelitten. 200 m entfernt am Blömkeberg gibt es noch einen ähnliches Waldstück, in dem die Fichten abgestorben sind. Hoffentlich wird hier nicht eingegriffen.  

 

 

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