Kreisgruppe Bielefeld

Naturnahe Regenwasserrückhalteanlage an der Alleestraße in Quelle erhalten

04. Juni 2020

BUND: Anlage hat Vorbildfunktion für Wasserwirtschaft und Naturschutz – Stellungnahme zur Planung eines Regenwasserrückhaltebeckens

Blick von der Alleestraße auf die Regenwasserrückhalteanlage: Lebensraum und Chance für Naturbeobachtungen und naturnahe Erholung.  (Foto: A. Niemeyer-Lüllwitz)

In 20 Jahren hat sich die naturnahe Regenwasserrückhalteanlage an der Alleestraße in Bielefeld-Quelle zu einem ökologisch wertvollen Lebensraum entwickelt. Doch damit soll bald Schluss sein. Nach Auffassung der Bezirksregierung soll die Anlage durch ein klassisches Regenwasserrückhaltebecken ersetzt werden. Wegen der gewachsenen Baugebiete im Einzugsgebiet würde die Anlage nicht mehr ausreichen, um das Wasser bei Starkregen zurück zu halten.  

Der BUND Bielefeld wendet sich gegen diese Planungen, weil sie wasserwirtschaftlich nicht notwendig sind und eine ökologisch wertvolle Fläche zerstören würden. Es handelt sich um eine aus ökologischer Sicht optimale multifunktionale Anlage, die zugleich wasserwirtschaftliche Belange als auch Naturschutzziele erfüllt. Es ist mit der naturnahen Regenwasserrückhaltung und Versickerung einen attraktiven Lebensraum für gefährdete Tier und Pflanzenarten zu schaffen, der mitten im Stadtbezirk auch einen hohen Erlebniswert hat.

In dieser Form ist diese Anlage einzigartig in der Stadt, hat Vorbildfunktion über Bielefeld hinaus und ist damit unbedingt erhaltenswert!

Auch der Umweltbetrieb der Stadt Bielefeld untestützt den Erhalt der Anlage. Laut Westfalenblatt vom 13.05.2020 nahm UWB-Entwässerungsexperte Henning Freitag dazu wie folgt Stellung: „Die bestehende Oberflächenwasser-Versickerungsanlage hat schon diverse Starkregenfälle gut überstanden. Sie ist hydraulisch sehr leistungsfähig“. Deshalb habe es dort, so Freitag, noch nie eine Überflutung gegeben – auch nicht nach Fertigstellung sämtlicher Teilpläne des Baugebietes Alleestraße. „Die Stadt Bielefeld würde dieses Entwässerungssystem nur ungern ändern, muss sich aber nach dem Wunsch der Bezirksregierung richten“, so Freitag weiter. Geplant sei deshalb, das Projekt 2022 oder 2023 anzugehen. 

Die naturnahe Regenwasserrückhaltung unterstützt die Neubildung von Grundwasser und leistet einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Überschwemmungen und Kanalüberlastungen. Diesem Aspekt kommt bei der erwarteten Zunahme von Starkregenereignissen durch den Klimawandel besondere Bedeutung zu.

Natürliche Regenwasserrückhaltung, Beitrag zum Hochwasserschutz, Schadstofffilter und Grundwasserneubildung

Die Anlage trägt auf natürliche Weise dazu bei, dass das Regenwasser der umliegenden Siedlungsgebiete zurück gehalten wird und hier versickern bzw. verdunsten kann. Damit ist die Anlage ein Beitrag zum natürlichen Hochwasserschutz und zur Entlastung der Kanalsysteme und Flusssysteme. Seit dem Bau hat sie sich ausgesprochen bewährt. Auch bei Starkregen wurden die Niederschläge hier immer problemlos zurück gehalten. Anwohner berichten, dass es ein „Volllaufen“ der Fläche, also eine 100%ige Ausnutzung des Rückhaltepotenzials, noch nicht einmal annähernd in 20 Jahren gegeben hat. Das zurück gehaltene Regenwasser wird durch die Filterwirkung der Vegetation und der humushaltigen, belebten Bodenschicht gereinigt. Zudem kann das Wasser flächig versickern. Damit trägt die Anlage zur Grundwasserneubildung bei.

Lebensraum - Beitrag zur biologischen Vielfalt

Die Anlage wurde in der Aue des Meierbaches angelegt, der oberhalb des Hofes Meier zu Borgsen (Biohof Bobbert) entspringt. Sie wurde stufenartig im abfallenden Gelände so angelegt, dass Regenwasser abschnittweise angestaut und zurück gehalten wird. Es hat sich in 20 Jahren hier ein strukturreicher, artenreicher, ökologisch wertvoller naturnaher Lebensraum entwickelt. Feuchtlebensräume wie Seggenrieder, Feuchtwiesen (mit typischen Nässezeigern wie z.B. Wiesenschaumkraut) und Röhrichtbereiche, in denen im Winterhalbjahr und immer nach starken Niederschlägen Wasser ansteht, wechseln sich ab. Zudem haben sich für feuchte Standorte typische Weidengebüsche und Einzelbäume angesiedelt. Es gibt einen Wechsel zwischen baumbestandenen und offenen Grünlandbereichen. Da das Gebiet nicht betreten werden kann, ist es ein Rückzugsraum für seltene Tiere und Pflanzen. Details dazu sind bisher leider nicht bekannt. Es ist deshalb wünschenswert, dazu von Seiten der Stadt eine Bestandsaufnahme zu beauftragen. Eine solche Untersuchung muss Grundlage für alle weitere Überlegungen und Planungen sein.  

Frischluft- und Klimaschneise

Die Anlage ist Teil einer Frischluftschneise, die vom Teutoburger Wald bis zur Carl-Severing-Straße reicht. Die von hohem Grundwasserstand und teilweise stehendem Wasser geprägten Vegetationsflächen beeinflussen das Kleinklima der Umgebung positiv. Unmittelbare Klimawirkung hat die Anlage damit für die direkt anliegenden Wohngebiete.

Teil einer naturnahen Erholungsanlage

Die Anlage kann auf einem Rundwanderweg und beim Joggen von der Finnbahn aus erlebt werden. Würde sie durch ein technisches Becken und einen Dorfplatz ersetzt, ginge dieser Erlebniswert verloren. Sie ist inzwischen unverzichtbarer Teil einer naturnahen Erholungslandschaft mitten in Quelle. Insbesondere von der baumbestandenen erhöht liegenden Alleestraße gibt es schöne Einblicke in die Fläche. In diesem Frühjahr konnte man z.B. von hier aus Rehe beobachten, die das Offenland als Äsungsfläche nutzen und in den Gebüschen Unterschlupf finden.

 „Da  es  in  vielen  Großstädten  zu  einem  weiter  ansteigenden  Flächendruck  kommt  und  die Beanspruchung urbaner Flächen für Regenwasserbewirtschaftungsmaßnahmen zu Nutzungskonflikten führt, ist es heute von grundlegender Bedeutung, Regenwasserbewirtschaftung auch als  gestalterische Komponente zu verstehen. Das ist in diesem Fall optimal gelungen. Durch die Einbeziehung der Stadt- und Freiraumplanung können attraktive Gebiete entstehen, die den Anwohner*innen verschiedene Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung eröffnen.

Ersatz durch Regenrückhaltebecken?

Ein ersatzweise gebautes technisches Regenwasser-Rückhaltebecken kann einen Großteil dieser Funktionen nicht erfüllen. Es hat die Funktion, möglichst eine große Wassermenge kurzzeitig anzustauen, und dann wieder kontrolliert in den nächsten Fluss (hier die Lutter) abzugeben. Die Fläche muss dafür von Gehölzvegetation freigehalten werden. Sowohl Filterfunktion und Versickerungsfunktion von Regenwasser als auch Biotopfunktion und Erlebnisfunktion können hier nur in sehr begrenzt erfüllt werden.

Dorfplatz?

Der Wunsch nach einem Dorfplatz beschäftigt Quelle jetzt schon Jahrzehnte. Mit der Bebauung Alleestraße sollte dieser Platz eigentlich Realität werden, im Bebauungsplan war er direkt an der Carl-Severingstraße zwischen Borgsenallee und Alleestraße eingeplant. Er wurde allerdings dann zum Parkplatz für einen Lebensmittelmarkt umfunktioniert. An der Gestaltung gab es schon vor 20 Jahren viel Kritik. Eine Initiative zu einer attraktiveren Gestaltung und insbesondere Bereicherung durch Bäume wäre begrüßenswert. Für Dorffeste geeignet ist auch der Bereich an der Kirche, an dem jährlich der Weihnachtsmarkt stattfindet. Für große Feste wurde erstmals 2019 sehr erfolgreich die Carl-Severing-Straße genutzt („Queller Sommer“). Es hat sich gezeigt, dass dafür eine tageweise Sperrung der Straße problemlos möglich ist.

Die Meierbachaue bzw. die Regenwasserrückhalteanlage eignet sich für eine solche Dorfplatz-Funktion nicht. Es sei denn, es würde hier massiv durch Bodenauffüllung eingegriffen.

Weitere Infos

BUND-Stellungnahme zur Regenwasserversickerungsanlage Bielefeld-Quelle

Presseberichte Westfalenblatt vom 13.5. und 21.5.2020​​​​​​​

Umweltbundesamt: „Die Ziele einer naturnahen Regenwasserbewirtschaftung sind, den Wasserkreislauf auch im urbanen Raum dem des unbebauten Zustands anzugleichen, die Stoffeinträge in die Gewässer zu reduzieren, gleichzeitig die Entwässerungssicherheit der Städte (Überflutungsschutz) zu gewährleisten und positive Effekte der Stadtklimatisierung zu erzielen“.

Naturnahe Regenwasserbewirtschaftung:  „Die Versickerung von Regen in den Untergrund ist notwendig, damit Grundwasser neu gebildet werden kann. Eine flächenhafte Versickerung ist in Städten aufgrund des Platzbedarfes oft nicht möglich. Alternativ ermöglichen es Versickerungsanlagen die gleiche Menge Wasser auf einer viel kleineren Fläche zunächst oberirdisch zu speichern und dann allmählich in den Untergrund zu versickern. Muldenartige Vertiefungen sind dabei die gebräuchlichste Form“.

Umweltbundesamt: Versickerung und Nutzung von Regenwasser – Vorteile, Risiken und Anforderungen

Reinhard Witt: Regenwassermanagement naturnah gestalten: „Der Klimawandel erfordert ein Umdenken bei der Nutzung von Regenwasser. Es muss nicht immer weggleitet werden, sondern kann für die Flora und Fauna gewinnbringend eingesetzt werden. (…) Darüber hinaus wirkt die naturnahe, direkte Regenwasserversickerung wie ein gewaltiger Anschub für den Naturschutz. Es entstehen die landesweit am meisten zurückgegangenen Feuchtbiotope neu. Damit kehren viele fast verschwundene und hochgradig gefährdete Tier- und Pflanzenarten zurück. Dass Laubfrösche, Unken, Molche, Libellen und sogar Regenpfeifer in der Lage sind, inmitten des Siedlungsraumes erfolgreich zu leben, zeigen inzwischen etliche realisierte Beispiele.“

 

Bildstrecke: Naturnahe Regenwasserversickerungsanlage in Bielefeld-Quelle im Baugebiet Alleestraße

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