Kreisgruppe Bielefeld

Wolf als Sündenbock für Bauernfrust?

30. Oktober 2020 | BUND, Lebensräume, Naturschutz, Landwirtschaft

OWL-Naturschutz sieht Glaubwürdigkeitsverlust des Bauernverbands

Wolfsrudel  (Foto: G. Hein)

Bielefeld. Mit Unverständnis hat die Bezirkskonferenz Naturschutz Ostwestfalen-Lippe auf die Angriffe von Bauernverbands-Vizepräsident Wilhelm Brüggemeier hinsichtlich einer angeblichen Wolfs-Gefahr in Ostwestfalen-Lippe reagiert. Dieser hatte in der Neuen Wesfälischen Zeitung die Existenz von Weideviehhaltern in OWL als gefährdet bezeichnet, weil der Wolf einwandere. Damit habe Brüggemeier seinem Verband einen Bärendienst erwiesen, indem er den Boden von Wissenschaft und Fakten verlassen habe und in demagogischer Weise Stimmung gegen den Wolf gemacht.

Tatsächlich ist die Zahl der Nutz- und Wildtiere, die in OWL erwiesenermaßen von wildernden Hunden getötet werden, um ein Vielfaches höher, als die Zahl der Tiere, die vom Wolf gerissen werden. Das ergibt sich schon allein und für jeden nachvollziehbar aus der Anzahl der Beutegreifer: Ein Wolf in der Senne, vielleicht noch einer am Oppenweher Moor und Tausende Hunde in OWL. Herbert Dehmel, Stellvertretender Sprecher der Bezirkskonferenz Naturschutz: „So ärgerlich auch jeder Einzelfall ist, angesichts von zigtausend Haustieren in landwirtschaftlicher Haltung von Existenzgefährdung zu sprechen, ist völlig übertrieben. Außerdem gibt es eine umfassende Schadensregulierung durch das Land NRW. Worüber regt sich Herr Brüggemeier eigentlich auf?“

Richtig ist, dass die Wölfe, nachdem sie vor über 170 Jahre in Westfalen ausgerottet worden sind, wieder vereinzelt nach NRW einwandern; einige wenige bleiben auch, wie z.B. in der Senne. Dort hat das Land entsprechend Wolfsgebiete ausgewiesen und fördert verstärkt Vorsorgemaßnahmen der Viehhalter gegen Übergriffe auf Nutztiere finanziell.

Weite Teile NRWs sind ohnehin auf Grund der dichten Besiedlung und dem Fehlen störungsarmer Räume als Wolfshabitat völlig ungeeignet. Das trifft nach Einschätzung der Bezirkskonferenz Naturschutz auch auf den größten Teil von OWL zu. In wenigen, zumeist randlich gelegenen, stark bewaldeten Regionen NRWs sind einzelne Ansiedlungen bereits erfolgt. Gerade unter dem Eindruck der im großen Stil durch den Klimawandel absterbenden Fichtenforste werden sich sehr nahrungsreiche Reh- und Hirschlebensräume entwickeln. Fachleute erwarten deshalb einen weiteren Anstieg der ohnehin hohen Schalenwildbestände. Hier kann der Wolf wichtige ökologische Ausgleichsfunktionen wahrnehmen, weil solche Dickungen für menschliche Jäger schwer zu bejagen sind, aber nicht für die Wölfe. So können sie einen wertvollen Beitrag für die Reduktion des Schalenwildes leisten und damit auch für die Regeneration gesunder Wälder.

Dehmel weist darauf hin, dass in den letzten Jahren trotz vielfältiger Konfliktfelder auf regionaler Ebene die Dialogbereitschaft zwischen Naturschutzverbänden und WLV (Westf-Lipp. Landwirtschaftsverband) deutlich größer geworden ist. Trotzdem bleiben wichtige Fragen offen, wie z.B. das nach wie vor vom Bauernverband favorisierte Modell einer weltmarktorientierten landwirtschaftlichen Produktion mit permanentem Kostendruck, eines ständigen „Wachsens oder Weichens“. Diese Politik – und nicht etwa der Wolf - hat Tausende von Landwirten um ihre Existenz gebracht.

Von einer existenziellen Bedrohung der Landwirtschaft zu sprechen, weil ein paar wildlebende Tiere den zig-Millionen großen Nutztierbestand um wenige Tiere reduzieren, verschweigt, dass genau diese Art der Landwirtschaft eine existentielle Bedrohung für Millionen Wildtiere (z.B. Vögel und Insekten) ist. Eine Landwirtschaft, die unsere Kulturlandschaft um einen großen Teil ihrer Biodiversität gebracht hat.

„Jetzt eine Hetzjagd auf den Wolf zu veranstalten, am besten mit Pulver und Blei, kommt einem so vor, als schreie der Täter „Haltet den Dieb!“. Herr Brüggemeier hat damit viel diplomatisches Porzellan zerschlagen und der Glaubwürdigkeit der Umweltbemühungen des WLV geschadet,“ meint der Naturschützer.

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