Gut erkennbar ist die schwarze Maske, das Markenzeichen des Waschbärs. Foto: klimkin / pixabay.com
Der Waschbär füllt seit einem Jahr die Zeitungsspalten. Waschbären verursachen Schäden an Gebäuden und dezimieren örtlich Amphibienvorkommen. Als nicht heimische invasive Art breiten sie sich vor allem in Siedlungsräumen aus. Die Stadt hat deshalb auch in Siedlungen die Fallenjagd auf den Waschbären genehmigt. Doch ist Jagd die einzige Perspektive zur Lösung von Problemen mit dieser invasiven Tierart?
Jürgen Birtsch und Adalbert Niemeyer-Lüllwitz haben dazu für den BUND mit Kurt Ehmke von der NW ein Gespräch geführt. Die NW hat darüber berichtet.
Nachfolgend veröffentlichen wir BUND-Eckpunkte zum Umgang mit den Waschbären.
Rechtliche Grundlagen
Im Sinne der gesetzlichen Regelungen im Bundesnaturschutzgesetz und im Tierschutzgesetz muss für die Jagd auf Waschbären ein „vernünftiger Grund“ vorliegen. Das können sein: Tiere nutzen und verwerten (Nahrung, Fell), Schäden entgegenwirken und eine Regulierung im Sinne von Naturschutzzielen. Es gibt aus Sicht des BUND plausible Gründe, den Waschbär zu bejagen.
Der Waschbär ist laut EU-Recht eine invasive Art. Nach Jagd- und Naturschutzrecht dürfen einmal gefangene invasive Wildtiere dieser Art nicht umgesiedelt und andernorts ausgesetzt werden, da sie das Ökosystem stören.
Ist Jagd eine Lösung?
Der BUND Bielefeld stellt Jagd auf Wachbären nicht in Frage. Jagdliches Management im Siedlungsraum, für das es eine Ausnahmegenehmigung geben muss, kann im Einzelfall kurzfristig Probleme mindern (wie z.B. aktuell offenbar in Gadderbaum), aber keine Dauerlösung sein. Tiere reagieren mit mehr Nachwuchs bei hohem Jagddruck. Freie Reviere werden wieder besiedelt.
Zur Bewertung des Vorkommens von Waschbären und möglicher Schäden fehlt es vor allem an Daten. Veröffentlicht wurden steigende Abschusszahlen der Jägerschaft. Kurzfristig hat sich so die Problemlage z.B. in Gadderbaum offenbar beruhigt. Doch verlässliche Zahlen über die verbliebene Population gibt es nicht.
Waschbär und Artenschutz
Waschbären sind Allesfresser und haben in Europa keine relevanten natürlichen Feinde. Ihr Nahrungsspektrum besteht nach einer Studie von Anett Engelmann (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Juni 2011) etwas zu 44 Prozent aus Wirbellosen Kleintieren, zu 41 Prozent aus pflanzlicher Nahrung wie Obst und Nüsse (v.a. im Herbst) und zu 15 Prozent aus Wirbeltieren (v.a. Fische und Amphibien, aber auch Vögel, Kleinsäuger und Reptilien). Unter den wenigen Wirbeltieren dominierten die Amphibien (4,8 %), gefolgt von Säugetieren (meist Mäuse: 3,5%) und Fischen (3,4%). Vögel waren nur mit 1,8% vertreten, Reptilien mit 0,8%. Waschbären sind Nesträuber, auch in Nistkästen, Fressfeind für Reptilien und Amphibien.
Wissenschaftliche Studien u.a. der Goethe-Universität Frankfurt am Main und des Senckenberg-Forschungszentrums zeigen, dass sich Waschbären in Deutschland stark an Laichplätzen von Amphibien bedienen. Dabei fressen sie gezielt Frösche, Kröten, Molche und deren Laich, was insbesondere lokale beziehungsweise isolierte Populationen gefährden kann. Projektleiter Norbert Peter von der Goethe-Universität schreibt dazu: „Wir sehen einen Prädationsdruck auf geschützte Amphibien und Reptilien in bestimmten Gebieten, der für diese Arten teilweise bestandsbedrohend ist. Zwar sind die bestehenden naturschutzrechtlichen Vorgaben der EU und des Bundes geeignet, um Reptilien und Amphibien lokal in ihrem Bestand zu erhalten – doch stoßen diese an ihre Grenzen, wenn zusätzliche Bedrohungen hinzukommen. In diesem Kontext beeinflusst der Waschbär heimische Ökosysteme eindeutig negativ.“
Rotten Waschbären Tierarten aus?
Nein, dafür dass Tierarten lokal oder regional, verursacht durch den Waschbären, ausgestorben sind, gibt es keine Belege. Das betrifft auch Gadderbaum und den Feuersalamander. Die Behauptung „Ausgerottet vom Waschbären“ (Jäger Eberhard Böhringer) gehört in die Kategorie „Jägerlatein“, dafür gibt es keine Nachweise. Dass Arten wie der Feuersalamander und die Kreuzkröte auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen, hat der Mensch durch eine Vielzahl von Eingriffen in die Lebensräume der Arten zu verantworten und nicht der Waschbär. Auch dass es Probleme mit dem Waschbären gibt hat der Mensch verursacht, indem er diese nichtheimische, invasive Tierart in Deutschland ausgesetzt und damit eingeführt hat.
Schäden kann vorgebeugt werden
Probleme mit Waschbären haben vor allem Menschen in der Stadt. Es kommt u.a. zum Eindringen in Wohnhäuser, Schäden an Gebäuden. Es gibt viele Möglichkeiten, dem vorzubeugen: Nahrungsangebot mindern, z.B. Mülltonnen sicher verschließen, Vogelfütterung in sicheren Automaten, Zugänge zu Gebäuden blockieren. Zu alle diesen Möglichkeiten der Prävention sollte die Stadt aus Sicht des BUND eine wirksame Aufklärungskampagne starten. Diese Infos müssen an die Bürger*innen in den betroffenen Bezirken medienwirksam herangetragen werden. Wenige Tipp auf der städtischen Internetseite genügen dafür nicht.
Vermehrung durch Sterilisation bzw. Geburtenkontrolle reduzieren?
Die Stadt Kassel verfügt über jahrelange Erfahrungen mit der Ausbreitung des Waschbären. Die Stadt setzt besonders auf Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit und verzichtet nach negativen Erfahrungen auf intensives Bejagen.
Die Stadt hat 2025 ein Projekt zur Geburtenkontrolle von Waschbären gestartet. Tiere werden dabei in Fallen gefangen und nach Sterilisation bzw. Kastration wieder ausgesetzt. Dafür können die zuständigen Behörden eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Die Vemehrungsquote lässt sich so erheblich reduzieren.
Nach einer Klage des Landes-Jagdverbandes wurde das Projekt zunächst ausgesetzt. Darüber muss jetzt die Höhere Jagdbehörde entscheiden. Aus Sicht des BUND sollte auch die Stadt Bielefeld eine solche Möglichkeit prüfen.
Infos zum Waschbärenprojekt Kassel:
https://www.bundesverband-wildtierhilfen.de/waschbaerprojekt-kassel/
https://tierschutz.hessen.de/informatives/anmerkungen-der-lbt-zu/waschbaerprojekt-in-kassel